Liebe Leserin, lieber Leser,

Einer der Gründe, warum die römischen Legionen so erfolgreich waren, liegt in der Tatsache begründet, daß sie die Ernährung ihrer Truppen selbst sicherstellten und somit unabhängig waren von den vorgefundenen Gegebenheiten der eroberten Landstriche. Daher konnten die Soldaten immer mit ihrer gewohnten Nahrung versorgt werden, was, wie wir wissen, von großer Bedeutung ist. Oder warum, glauben Sie, ist Mallorca so beliebt?

„Ei, do kriehe Se Ihr Heehnsche, doo kriehe sie Ihr Schnitzel, do kenne Se hiefahrn!“
 

So schleppten die Römer zahlreiche heimische Pflanzen in die eroberten Lande. Ihre agrarischen Kenntnisse waren so umfassend, daß sie auch unter schwierigen Bedingungen ihre botanischen Mitbringsel kultivieren konnten. Eines dieser Mitbringsel war die Walnuß, und ihre südosteuropäische Herkunft gab ihr bei uns den Namen Welsch- oder Walnuß.

Wie steht es nun mit dem Rheingau und der Walnuß? Gar zu bescheiden sind die Walnußrelikte, die wir  heute im Rheingau finden. Hier sind einzelne Solitäre, da kleinste Grüppchen an Straßenrändern, wie zum Beispiel in der Kurve vor Kloster Eberbach, nur selten finden wir noch Nußbäume in den Weinbergen.
Dabei durchzogen Walnußalleen den Rheingau. Eines der bedeutendsten Walnußsortimente Europas stand auf dem Gelände der Forschungsanstalt Geisenheim. In den Weinbergen waren sie Schattenspender und Erntepropheten: Nußjahr - Weinjahr, hieß die alte Bauernregel. Nur in den Hausgärten, ist die Walnuß noch häufiger präsent, und das nicht nur wegen ihres Nährwertes, sondern weil ihr Flair die Schnaken vertreibt.

Der Rheingau war ein Walnußland von besonderer Bedeutung. Zahlreiche Mühlen verarbeiteten die Nüsse zu einem der wohlschmeckendsten Öle. Josef Gregor Lang beschreibt in seiner „Reise auf dem Rhein“, 1789:
Zwischen Elfeld und Oestrich - (liegt) - das wohl begüterte Dorf Erbach oder Eberbach; nicht weit davon, die im Walde versteckte berühmthe und reiche Zisterzienser Abtei gleichen Namens, wohin eine schöne mit Nußbäumen besetzte Allee führt.

Wenn ich landschaftlich noch etwas großräumiger sein darf, kann ich auch von der Nußbaumallee zur Burg Rheinfels bei St. Goar berichten und Ferdinand Freiligrath 1846 zu Wort kommen lassen: „Des Rheingaus Reben grüßen sie und auch dein Nußlaub St. Goar.“

Vor mehr als hundert Jahren lesen wir in dem Bericht „Der Rheingaukreis zwischen 1869 -1890", daß die Gemeinden Geisenheim und Niederwalluf die Anstrengung unternahmen, hunderte Nußbäume pflanzen zu lassen.“ In Walluf ist uns nur noch ein Name geblieben: Nußberg.

Der Niedergang der Rheingauer Walnußkultur hat seine Ursache hauptsächlich in den vergangenen Kriegen. Kein Holz gibt angenehmere Gewehrschäfte, als das der Walnuß. Und so war das Schicksal der mächtigen, nützlichen Riesen, die bis zu vierhundert Jahre alt und dreißig Meter hoch werden, besiegelt. Ihre solitären Kameraden in den Weinbergen fielen der Technisierung im Weinbau zum Opfer und die Flurbereinigung hat ihnen auch keine ökologischen Nischen geschaffen. So blieb die Rheingauer Weinbergslandschaft über weite Flächen „kahl“.

Dabei hatte schon Karl der Große in seiner Landgüterverordnung „capitulare de villis“ verfügt: An Bäumen und Sträuchern wollen wir, daß vorhanden seien, und es folgt eine aufschlußreiche Liste in der wir zwischen ficus (Feige) und ceresarius (Kirsche), nucarios (Walnuß) finden.

Auch die zahlreichen Ölmühlen sind verschwunden, die letzte war die Krayer`sche Mühle in Winkel am Elsterbach, heute ein Gutsausschank. Bevor die Kerne jedoch gepreßt werden konnten, mußte die Nuß geknackt werden. Dies war die Arbeit langer, fröhlicher Winterabende, bei denen nicht gesponnen wurde, sondern Nüsse geknackt, wie uns der Johannisberger Peter Scherer erzählt. Während unsere Vorfahren sich am intensiven Aroma des Walnußöls ergötzen konnten, hat uns erst die "Nouvelle Cuisine" wieder auf etwas so Traditionelles aufmerksam gemacht.

Es wäre noch allerhand zu berichten, aber klappen wir das Buch der Vergangenheit zu und Folgen wir jenen kulturbewußten Rheingauern, die damit begonnen haben, unsere Landschaft wieder mit Walnußsolitären zu schmücken und geben wir ihnen unsere herzhafte Unterstützung.

Alleh Guude dann und bleiben Sie mir gewogen,

Ihr