Liebe Leserin, lieber Leser,

„Dringge mer en Herbe odder`n Milde?”. So klang es vor nicht allzu langer Zeit in den Rheingauer Straußwirtschaften.
Knapp tausend Jahre früher hätte die gleiche Frage etwa so geklungen:
Wolle mer en Hunnische odder`n Fränggische?”

Über viele Jahrhunderte waren diese beiden Begriffe die einzigen Weinbezeichnungen. Hunnisch oder fränkisch?

Die gebildete Hildegard von Bingen beschreibt dies so, daß der fränkische und starke Wein das Blut gleichsam aufwallen läßt und deshalb mit Wasser zum Trinken gemischt werden müsse, während das beim hunnischen nicht notwendig, da er doch von Natur aus wässrig sei.

(Vielleicht darf ich hier, als kleine Randbemerkung, die alte Rheingauer Bauernregel anbringen,
dess nur en guude Woi aach en guude Gespritzte gibt!)

Über die Bedeutung der vorgenannten Begriffe wurde viel spekuliert, vielleicht können wir uns auf folgende Auslegung einigen:

Fränkisch ist einfach zu deuten: Es handelt sich um (kleinbeerige) Reben, die die Franken aus dem Süden ihres großen Reiches in den Rheingau brachten. Und so hat die Sage, daß Karl der Große die Reben auf den Rüdesheimer Berg brachte, einen wahren Kern.

Hunnisch erklärt sich leichter, wenn man den Begriff nicht einem Volksstamm zuordnet. Wie sollte auch ein unstetes Reitervolk wie die Hunnen Weinbau betreiben?
Ein Stöbern in unserer Sprachgeschichte führt schnell zum Ziel, denn hunnisch bedeutet im Niederdeutschen riesig, groß. Demnach stammt der hunnische Wein von großbeerigen Trauben im Gegensatz zu den kleinbeerigen fränkischen.-

Hunnisch war nicht nur der Sammelbegriff einer Weinqualität, sondern findet sich auch im Sortennamen Heunisch wieder. Die Familie der Heunischreben (die gelbe Variante wird wegen ihrer laxierenden Wirkung Bettschisser genannt) spielt eine ganz bedeutende Rolle in der Entstehung unserer heutigen Kultursorten, wie wir später noch sehen werden.
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Unterschiedliche Gründe, die über den Anbau einer Rebsorte entschieden, lassen sich aufzählen. Da war einmal das liturgische Symbol roter Wein als Entsprechung für das Blut Christi, später verdrängten modische Vorstellungen den Rotweinanbau des frühen Mittelalters, zum dritten sprachen wirtschaftlich - fiskalische Gründe zur gesicherten Anschaffung des Zehnten für den Anbau ertragreicher Sorten.
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Den wichtigsten Einfluß auf die Sortenwahl hatte das Klima. In den gut tausend Jahren zwischen Kaiser Karl dem Großen und Kaiser Wilhelm II. schwankte die mittlere Jahrestemperatur hier am 50. Breitengrad zwischen Toscana (1100 - 1300) und Bornholm (1500 - 1700). Von kleiner Eiszeit ist gar die Rede nach der Warmphase des Mittelalters. Das heißt, in der Warmzeit hatten spätreifende Sorten Konjunktur, während in der kalten Phase nur die frühreifenden überhaupt einen Anbauwert besaßen.
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Das Ertragsrisiko minderte sich durch den Anbau verschiedener Rebsorten in einem Weinberg, dem sogenannten gemischten Satz. Der gemischte Satz wurde zur Ursuppe der heutigen Rebsorten, wie wir gleich sehen werden. Lange Zeit rätselte man, welche Rebsorten durch die Zeitläufe zu uns gekommen sind. BASSERMANN-JORDAN schrieb 1907:
Obwohl die Herkunft der wichtigsten und edelsten deutschen Rebsorten wohl niemals mit Sicherheit aufzuklären sein wird, stimmen doch viele Ampelographen darüber überein, daß der Riesling als Abkömmling einer rheinischen Wildrebe aufzufassen sei.

Der österreichische Wissenschaftler F. REGNER an der Höheren Bundeslehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg hat allen Spekulationen ein Ende bereitet. Mittels der Genanalyse stellte er fest, daß für einen Großteil unserer Kultursorten, so sie nicht den Burgundersorten zuzuordnen sind, Heunisch als ein bedeutender Elternteil nachzuweisen ist.
Die enge Nachbarschaft von Heunisch, Burgunder und Traminer in den Weinbergen des Mittelalters förderte die Entstehung neuer Rebsorten. Fürsten wie die Württemberger empfahlen ihren Bauern sogar Heunisch und Traminer im gemischten Satz anzubauen. Und so belegt REGNER, daß der Riesling aus dem Heunisch und einer traminernahen Sorte (die wiederum in enger verwandtschaftlicher Beziehung zur Vitis silvestris der Wildrebe des Rheintales steht) entstanden sein muß.
Trotzdem dauerte es noch Jahrhunderte bis die Rebsorten ihre heutige Stellung erreichten, was wir am Beispiel des Rieslings verfolgen wollen.
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Betrachten wir zunächst die erheblichen Klimaschwankungen. Für den Riesling blieb da wenig Platz. In der „toscanischen„ Klimaphase war es ihm zu hitzig, in der „bornholmischen„ bekam er kalte Füße. Dazwischen, um 1400, als das Klima unserem heutigen entsprach, da wurde er so bedeutend, daß er erstmals in einer Urkunde (1435) genannt wurde. Aber von einem Siegeszug ist da noch lange nicht zu sprechen, während der Spätburgunder alias Clebroit seit der Frankenzeit seine Bedeutung hatte.
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In der Kaltphase bleibt zwar der Riesling im Anbau, aber andere Sorten gewinnen an Bedeutung. Die feine Gesellschaft hält sich an Importe und so wird der Muskateller zum IN-Wein bis in die Neuzeit. Der Frühburgunder schlüpft in die Rolle des Spätburgunders, wird zum Kleber, wie wir bei Hieronymus Bock nachlesen können.
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Im 18. Jahrhundert beginnt eine starke Förderung des Rieslinganbaues von Hochheim bis Rüdesheim. Der Fürstabt von Fulda läßt 1716 auf dem gerade erworbenen Johannisberg in der Hauptsache Riesling anbauen. Gleichzeitig läßt er aber auch Orleansreben in beträchtlichen Ausmaß anpflanzen. Es ging mit dem Riesling nur langsam voran. In einem alten Text finden wir eine kritische Anmerkung von 1747:
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Im Rhinggau haben sie:
1) Gutedel und Elbling als beste Sorte,
2) Heinisch (Hunnentraube) als Mittelgattung und
3) Rußling (Riesling) als die schlechteste der Trauben
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Diese Klassifizierung erklärt sich durch die damals üblichen, meist amtlich verordneten, frühen Lesetermine. Das Klima war nicht warm genug für die späte Rieslingreife und die frühe Lese.
So ergab sich für den Riesling die späte Lese zwangsläufig. Aber sie stand dem Zehntrecht völlig entgegen. Sie mußte erst bei der Mainzer Fiskalbehörde durchgesetzt werden. Man kann sagen, die Geschichte vom Spätlesereiter war auch eine gute PR-Geschichte, um den Lesetermin von Mitte/Ende September zum Novemberbeginn! zu verschieben.
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1835 erscheint eine detaillierte Beschreibung des Rheingauer Weinbaues durch den Wieslocher Apotheker Joh. Ph. Bronner. Für ihn ist der Rheingau die Hochschule des deutschen Weinbaues. So sieht es auch der königlich bayrische Geheimrat Andreas van Recum, der als Ruheständler Weinbau auf der Kauzenburg in Kreuznach an der Nahe treibt und in zahlreichen Schriften die Hebung der Weinqualität fordert. Die Probleme des achtzehnten Jahrhunderts scheinen gelöst. Der Riesling hat sich vom Anbauwert her an die erste Stelle gesetzt.
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Auch der Traminer gehört noch zu den Spitzensorten. Bronner nennt ihn ausdrücklich in Eltville, im Steinberg und in Aßmannshausen. Leider hat er heute im Rheingau nur noch geringe Bedeutung.
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Seit 1850 spielte der Sylvaner (als Österreicher) für hundert Jahre im Rheingau eine wichtige Rolle. Er wurde sogar in den Spitzenlagen des Rauenthaler Berges angebaut. Und so kam er in die Rauenthaler Auslese - Kollektion des bekannten Rheingauer Weinmagnaten August Wilhelmj, die dieser auf der Pariser Weltausstellung 1867 vorstellte. Die Kollektion errang die Große Goldmedaille und wurde von der Jury zur besten Weinauswahl der Welt erklärt.
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Nach dem 2. Weltkrieg begann endlich der Siegeszug des Rieslings im Rheingau. Durch züchterische Auswahl wird er zu einer sicheren Ertragssorte. Immer größer werden die Ernten, die Qualität leidet. Alle Versuche, durch besondere Klassifizierungen das Qualitätsniveau zu halten waren nicht sehr erfolgreich. Erst die staatlich verordnete Mengenbegrenzung brachte den Wandel.
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Heute finden wir elegante, fruchtige Rieslingweine, wie es sie nie gegeben hat. Die Weinbergslage ist dabei nicht immer ausschlaggebend. Das Qualitätsniveau im Rheingau strebt nach oben. Ob es der Riesling auf seinem Weg nach oben geschafft hat ist noch unklar, der Rotweinanbau im Rheingau nimmt zu und wir steuern wieder auf eine Warmzeit zu -
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Also Prösterchen und alleh Guude dann und bleiben Sie uns gewogen,
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Ihr

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