150. Geburtstag von HERMANN MÜLLER-THURGAU

- Rebenzüchter und Begründer der Weinbauwissenschaft -

Auszug aus einem Beitrag von Prof. Dr. Klaus Schaller, Direktor der Forschungsanstalt Geisen- heim und Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Forschungsanstalt Geisenheim.

Am 21. Oktober jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag von Prof. Dr. HERMANN MÜLLER- THURGAU. Er hat sicherlich nicht den Bekanntheitsgrad wie Persönlichkeiten aus den Bereichen Technik, Medizin oder gar Literatur. HERMANN MÜLLER-THURGAU gehörte jedoch zu den Forscherpersönlichkeiten, die weit über ihre Lebensspanne hinaus Fachdisziplinen beeinflusst haben, die mit ihren Visionen Zeichen gesetzt haben, die man heute noch getrost als Orientierungs- und Ausgangspunkt für weitere Forschungs- arbeiten nehmen kann.

HERMANN MÜLLER wurde am 21. Oktober 1850 in Tägerwilen in der Nähe von Konstanz geboren. Sein Vater war Bäckermeister und bekannt als „Büürlibeck“. Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Kreuzlingen wurde HERMANN MÜLLER im Herbst 1869 als Lehrer an die städtische Realschule in Stein am Rhein gewählt. Obwohl er dort eine schöne fruchtbare Zeit hatte entschloss er sich am Polytechnikum in Zürich zu stu- dieren, wo er sich im Herbst 1872 das Diplom eines Fachlehrers der Natur- wissenschaften erwarb.

Großes Glück bedeutete es für ihn, dass er anschließend bei dem „dem“ Pflanzenphysiologen jener Zeit, JULIUS SACHS in Würzburg arbeiten konnte. Schon im Februar 1874 promovierte HERMANN MÜLLER mit dem Prädikat „Summa cum laude“. JULIUS SACHS bot dem „kleinen Müller“ wie er ihn auch nannte, die Assisten- tenstelle am Pflanzenphysiologischen Institut der Universität Würzburg an, die dieser zwei Jahre innehatte.

Im Frühling 1876 wurde HERMANN MÜLLER als Leiter des neu geschaffenen Institutes für Pflanzenphysiologie an der Preußischen Lehr- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim berufen und zum Professor ernannt.

Niemand hatte zuvor die Reben und Obstbäume ernstlich zum Gegenstand physiologischer Forschungsarbeiten gewählt. In die Geisenheimer Zeit fallen die grundlegenden physiolo- gischen Forschungsarbeiten am Weinstock und an den Obstgehölzen. Die führenden Winzer des Rheingaues, Rheinhessens und der Pfalz hielten engen Kontakt mit dem jungen Förderer des Wein- baues.

Im Jahr 1890 erhielt HERMANN MÜLLER aus der Schweiz das Angebot, eine schweizerische Versuchs- und Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau zu gründen. Zum Abschied von Geisenheim ernannte der Deutsche Weinbauverein den Scheidenden zum Ehrenmitglied.

Neben den pflanzenphysiologischen Arbeiten untersuchte MÜLLER-THURGAU die Lebensbedingungen der gerade aus Amerika eingeschleppten Pilzkrankheiten „Echter und Falscher Mehltau“, sowie einer alten europäischen Rebenplage dem „Roten Brenner“.

MÜLLER-THURGAU veröffentlichte die Resultate seiner Forschungsarbeiten in ausführlichen Publikationen.

MÜLLER-THURGAU war einer der ersten, der bei der Rebe systematische Züchtungsarbeit leistete. Die Riesling x Silvaner-Rebe, später ihm zu Ehren Müller-Thurgau-Rebe genannt ist das Produkt einer bewussten und sehr sorgfältig durchgeführten Züchtungsarbeit, Zitat:
„Wie wichtig könnte z.B. für manche Weinbaugegenden eine Traubensorte werden, die mit den köstlichen Eigenschaften der Rieslingtraube die sichere und frühere Reifezeit des Sylvaners vereinte!“

Als er 1891 als Direktor der neu gegründeten Versuchs- und Lehranstalt Wädenswil in die Schweiz zurück- kehrte, ließ er sich 150 der wertvollsten Sämlinge nachkommen. 1894 wurden die ersten zwei Reben des Sämlings Nr. 58 (Riesling x Silvaner 1) angepflanzt. In der Folge die Vermehrung durch SCHELLENBERG und die Prüfung in der Praxis. 1913 die Einfuhr nach Deutschland durch DERN, der die Sortenbezeichnung Müller-Thurgau einführt und 1970 Klassifizierung als empfohlene Sorte. 1975 nimmt sie den ersten Platz in der Anbaustatistik Deutschlands ein. In der Zwischenzeit ist sie Nummer 2 nach dem Riesling.

Müller-Thurgau-Weine sind elegant, süffig, harmonisch und mild. Der Sortencharakter kann von einem muskatartigen Bukett begleitet sein. Die Fruchtigkeit der Müller-Thurgau-Weine nimmt in Richtung Süden zu.

Eine solch erfolgreiche Züchtung wie die Müller-Thurgau-Rebe hat Generationen von Züchtern veranlasst weitere Varianten der Eltern Riesling und Sylvaner zu kreuzen. Trotz mehrerer zehntausend Versuche die Sorte noch einmal nach zu züchten, ist dies nicht gelungen. 1998 konnte der Wissenschaftler Regner an der Bundesanstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg mit gentechnischen Methoden nachweisen, dass wahrscheinlich der Gutedel der Vater war. Wissenschaftler der Bundesanstalt für Züchtungsforschung im pfälzischen Siebeldingen konnten den Ahnennachweis noch verfeinern und erkannten die Rebsorte Madeleine Royal als Vater, einer Züchtung aus dem Formenkreis des Gutedels. Tatsächlich wurde MÜLLER- THURGAU von der Natur überlistet, was aber seiner hervorragenden züchterischen Leistung keinen Abbruch tut.

MÜLLER-THURGAU war ein Visionär. Seine Arbeiten waren für Weinbau und Weinbereitung bahnbrechend.