Liebe Leserin, lieber Leser,

Dreihundert Jahre Preußen” in diesen Tagen bleibt wohl doch nur eine Medienmarginale.

Im Rheingau war Preußen nur eine Episode. Allerdings eine mit gravierenden Folgen.

Von den einen, die sich wirtschaftliche Ver- besserungen versprachen, mit offenen Armen, von den anderen eher kritisch empfangen, so ergaben sich die Rheingauer am 3. Oktober 1866 in das
„Besitzergeifungspatent”.

Wie die katholischen Rheingauer das empfanden, drückten sie in einem Kreuzwegbild an der Kiedricher Kirche aus. Einer der Henkersknechte, die Jesus auf seinem Leidensweg auf Golgatha eskortieren, trägt die Gesichtszüge Bismarcks.
Aber genau genommen geht die Rechnung über ein dreihundert- jähriges Preußen nicht auf, denn vom 18. Januar 1701 bis zum 25. Februar 1947, als es vom Alliierten Kontrollrat für tot erklärt wurde, sind keine zweihundertfünfzig Jahre vergangen. Aufgegangen in Schall und Rauch im wahrsten Sinne des Wortes. Aber das verwundert nicht, denn
die Preiße habbe halt gern Soldatsches gespillt.
Ihre martialischen Denkmäler prägen heute noch das Bild vieler Berliner Plätze, irgendwie wurde vergessen sie abzuräumen. Ich reise lieber mit der LiteraTour durch Berlin, als das ganze Soldatengerümpel abzuklappern.

- 300 Jahre Königreich Preußen, vor
 - 55 Jahren ad acta gelegt und
 - 80 Jahre dabei gewesen, das ist die Rheingauer Preußenbilanz.

Aus Rheingauer Sicht wäre kein Wort mehr darüber zu verlieren. Aber plötzlich sind die Medien voll borussischer Erinnerungen.
Aach gut, mache mer mit.

Der preußischen Tugenden hätten wir überhaupt nicht (also auf preußisch: in keinster Weise, ebent) bedurft, auch wenn sie Kant noch so schön in seine „Kritik der praktischen Vernunft” verpackt hat.

Rheingauer Vernunft sieht anders aus:

„Leebe un leebe losse!”
„Mer strunze nit, mer hun!”
„Erst emol gespachdeld, geschafft habbe mer gleich!”
„Was mer uff de Disch stelle, gebbe mer verlorn!”
„Mer muß de Zeit die Ehr`añduun un dem Weiñ die Gunn!”

ñ = phonetisch nasales n

Und so wollen wir der preußischen Zeit die Ehre antun und das in bester Befangenheit. Es begann 1836 als der Referendar Bismarck, berauscht vom vorzüglichen 1834er, ein Bad im Rüdesheimer Rhein nehmen wollte, dabei aber vom Kadetten Sterzing und dem Rüdesheimer Nachtwächter daran gehindert und ins Bett zurückgebracht wurde.

Später stöhnte dann der Kadett Sterzing, inzwischen zu einem wohlbeleibten Hauptmann befördert, bei einem der anstrengenden Märsche des Mainfeldzuges gegen die Preußen:
„Ei, hätt' ich en doch nur versaufe losse!”

Sein Kompanie-Offizier fragte ihn im gemütlichen nassauischen Dialekt:
„Wen maane Se dann, Herr Hauptmann?” – „Ei, wen dann annerst als den Bismarck. Den hunn ich doch domols auß`em Rheiñ geholt. Hätt' ich en versaufe losse, brauchte mer jetzt nit so ze renne!”

Philipp Keim, der blinde Moritatensänger des Nassauerlandes, hat sich diese Geschichte nicht entgehen lassen, de Rieme uff die Eul` geschmisse un gesunge:


„Im Jahre achtundvierzig, da war das Wasser groß
Der Bismarck fiel ins Wasser und trieb an einem Floß
Ein Mann mit Namen Sterzing, ein braver, guter Mann
Der nahm ihn an seim Wersching
Und zog ihn an das Land.
Hätt der en do ersaufe lasse, do wär jetzt (1866) kein Malheur,
Wir hätten keine Preußen und auch kein Bismarck mehr!”


Aber konzidieren wir Bismarck, daß er neben den politischen Ambitionen auch ganz persönliche Gründe hatte, Verfügungsgewalt über den Rheingau zu bekommen. Ein Bewunderer hatte ihm ein paar Flaschen 1858er Aßmannshäuser Cabinetwein übersandt, wofür er sich in artigen Worten bedankte:
„In Avignon habe ich vor langer Zeit alten 'Vin du Pape' von verwandten Geschmack gefunden, aber der deutsche Vetter ist seinem Verwandten von der Rhône weit über den Kopf gewachsen. Unsere(!) deutsche Sonne im Rheingau scheint dort feuriger zu sein, als die vom Kaukasus und von Avignon,ich habe wenigstens keine Produkte von annähernd gleicher Kostbarkeit von dort kennengelernt.”
Mal ehrlich, das war ein Glücksfall für die Franzosen, nicht auszumalen, wenn Bismarck der
'Vin du Pape' so gut geschmeckt hätte und „unsere” deutsche Sonne ins Rhônetal geschwankt wäre.

Hedwig Witte schreibt:
Als 1866 die Preußen kamen, wurde die Mundart zum Inbegriff der liebgewonnen Vergangenheit:
„Mir redde nit preissisch, nit die hochdeitsche Sprooch, mir babbele dem Alte un der Alte nooch. Mir redde so schee un so deitsch un so fei… Kaa Sprooch uff de Welt kann noch herrlicher sei!”

Der innerdeutsche Imperialismus der Preußen vertrieb das Haus Nassau und besetzte die Beamtenstellen vom Schulpedell bis zum Regierungspräsidenten mit Preußen. Die alteingesessenen Einwohner gerieten ins Hintertreffen und Heimatbelange und Heimatgeschichte wurden kleingeschrieben.

Bald aber zeigte es sich, daß die vermaledeiten Preußen recht handfeste Vorteile zu bieten hatten. Wilhelm II ließ einen wahren Goldregen über Wiesbaden und den Rheingau niedergehen.

Und Paul Richter schreibt 1913:
Daß die Rheingauer als Preußen teilnehmen durften an der Neugründung des einigen Deutschlands war gewiß das beste Mittel, sie zu guten Preußen zu machen.”

Unter dem unausgesprochenen Motto: im Herzen für die Österreicher und im Kopp für Preußen enstand aus den nassauischen Ämtern Eltville und Rüdesheim der Rheingaukreis mit einem hohen Maß an Selbstverwaltung.


Ja, Rheingauer Luft macht frei
und alleh Guude dann
und bleiben Sie mir gewogen,
-
Ihr








Schloß Monrepos, hier besuchte der Kaiser von Lade,
der dem preußischen Staat seine private Forschungs-
anstalt schenkte.