Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir machen gerne Reisen zur Kunst. Klingt Ihnen das zu geschwollen, es geht auch so:

Mir mache gern uff Ausstellunge, mei Fraa un ich!

Salier, Franken, Hildegard von Bingen, Jüdische Lebenswelten, Maria Sybilla Merian, Mystherium Wein, etc., etc., etc...


Un mer kimmt rum: Toulouse-Lautrec in Tübingen, Tausend Jahre Kunst in Krems, Paula Modersohn-Becker in Bremen, Dali in Stuttgart, Magritte in Brüssel, Hundertwasser in Darmstadt, documenta X in Kassel, Rilke und die bildende Kunst in München, Traum und Wirklichkeit in Wien, "Entartete Kunst" in Berlin, Botero in Frankfurt, Jawlensky in Wiesbaden, Getöpfertes von Picasso in Ceret, Picasso in Barcelona, Picasso in Düsseldorf, Picasso in Frankfurt, Picasso in Ingelheim? Ist das jetzt noch Ernst oder Gaudi. A propos Gaudi, wo haben wir den denn getroffen?

Die Kilometer läppern sich. Doch auch das Gute liegt so nah: Nesch-Haus in Johannisberg, Kommunale Galerie Schlangenbad, Galerie im Eltviller Burgturm, Orte wo man auch, ein wenig wichtigtuerisch und unbedarft, Mäzen spielen kann.

Da sitzt du gemütlich in deinem Rheingauer Dörfchen, träumst in der Idylle von Reben und Wein, Leinpfad und Rhein, Straußwirtschaften und Schlemmen, bist eigentlich wunschlos glücklich, es gibt alles, was Dein Herz begehrt. Und doch entwickelt sich diese innere Unruhe. Warum muss sich Dein Blick vom ruhig fließenden Rhein, vom wohlgeformten Rebenblatt, vom prächtig restaurierten Kirchturm lösen, um in die plüschkordelige Welt eines Enrico Baj, in die unheimlichen Sphären Magrittes oder in die verwurschtelten Figuren Picassos einzutauchen, von der mülligen documenta X ganz zu schweigen?

Du ertappst dich dabei, wie du die Feuilletons durchstöberst, die Ausstellungsanzeigen durchkämmst und im Kalender die Schlusstermine konstatierst, damit du ja nicht zu spät kommst. du wirst zwar nicht vom Leben bestraft, aber manche Exponate kommen so nie mehr zusammen. Und du wärst nicht dabei gewesen, nicht auszudenken, oder?
Aber dann ist es doch geschafft, der Ausstellungsort erreicht, jetzt geht's lohos. Aber nicht immer. Man hat zwar von Wiesbaden Museumsbesuchserfahrung, wir waren auch schon mit den Enkeln im Frankfurter Senckenberg, aber so geht das nicht überall. In Wiesbaden kommst du ins Museum, einige Bedienstete erwarten dich freundlichst, endlich kommt einer, mal ein paar andere Gesichter als nur die der Kollegen, man löst die Eintrittskarten und schwupp, schon ist man drin. Aber wie gesagt, woanders ist das ganz anders. Zum ersten Mal hat es uns in Tübingen erwischt. Wir kommen an, eine riesige Schlange erwartet uns, tausende von gelangweilten Argusaugen beobachten, was wir machen, denn es soll ja Leute geben, die sich vordrängeln. So etwas machen wir nicht, wir stellen uns hinten an. Aber wo ist hinten? Man schreitet, man geht, man laatscht, die vierspurige Menschenschlange nimmt kein Ende. Endlich doch, schnauf, die Nachbarn gucken verständnisvoll, man reiht sich ein. Es und man ist geschafft.

Nun beginnt das Warten. Die Schlange bewegt sich millimeterweise. Acht Personen weiter vor uns steht eine plappernde Gruppe, bewegt sich nur zögernd vorwärts und lässt ständig die Menschenkette abreißen. - Also jetzt rücken Sie doch bitte auf -, als ob wir davon auch nur im mindesten schneller vorwärts kämen. Wir warten. Unsere Geduld schmilzt unter der brütenden Sonne; was haben wir uns am Morgen über das schöne Reisewetter gefreut. Meine innigstgeliebte Gattin erinnert sich allerdings besser, wie immer, - es hat in Strömen geschüttet -. Aach gut.
Man kommt ins Gespräch, drei Stunden Wartezeit muss man schon rechnen. Drei Stunden! Es trifft uns wie ein Keulenschlag. Drei Stunden, die gebbe mer uns nit. Nein, Tübingen hin, Toulouse-Lautrec her, wir geben auf. Zur Erinnerung noch den Katalog gekauft und ab zurück ins heitere Rheingau.
Inzwischen sind wir abgehärtet. Wir haben die schiefen Ebenen in Stuttgart hinauf gewartet, den Museumsblock in Speyer umrundet, kurz, uns in langen Schlangen die Beine in den Bauch gestanden. In Brüssel haben wir die Stufen des Musees Royaux Des Beauy-Arts De Belgique ausgetreten in der Hoffnung, die Werke des Herrn Magritte kennenzulernen, vergebens: die Ausstellung ist nur von zehn bis siebzehn Uhr geöffnet. Der öffentliche Dienst in Belgien zittert wohl nicht vor der Globalisierung, die Ausstellung ist bis zum Ende ausverkauft, vor allem wegen der kurzen Öffnungszeiten. Doch wir sind flexibel geworden. Als Ersatz gehen wir ins Comic-Museum. Tim und Struppi gegen René Magritte.

Jetzt sind wir in der Ausstellung. du schreitest von Bild zu Bild, von Objekt zu Objekt. Nach etwa zwanzig Bildern meldet sich Dein Kreuz, es signalisiert, dass es in Kürze durchbrechen wird. Dezentes Katzbuckeln beginnt, eine Sitzgelegenheit wird ausgespäht. Die Nutzung ist nur von kurzer Dauer, es war der Sitz der Aufsicht und die kann ja nun wirklich nicht jedem ihren Platz überlassen, der daher kommt, odder? Also weiter. Während du dich, in geziemendem Abstand, in das nächste Kunstwerk versenkst, schieben sich todsicher welche vor dich, um deine Andacht zu stören. Unabsichtlich natürlich. - Ach bitte, Sie sind nicht durchsichtig -, Oh, Verzeihung, habe Sie gar nicht bemerkt -, als ob über hundertdreißig Kilo Lebendgewicht zu übersehen wären. Weiter geht es, tapfer wird das Terrain erkämpft. Endlich ist die Ausstellung geschafft, der Bildungsdrang befriedigt und vor allem so ein Glücksgefühl hat Besitz von dir ergriffen. Ein so du-bist-dabei-gewesen-Gefühl. Es ist die Freude auf den Capuccino, den ihr gleich trinken werdet, wenn der Andrang und der Service dies zulassen.
Jedoch das Schwerste steht noch bevor, der Katalog. Ein Katalog, der etwas auf sich hält hat schon ein paar Kilos auf dem Buckel, auf deinem Buckel auch. Wie Blei hängt er Dir in den Schultergelenken, du glaubst, die Arme schleifen bald auf der Straße. Viele, viele Zentner, habe ich schon nach Hause getragen und es ist kein Ende abzusehen.

Alleh Guude dann! Vielleicht treffen wir uns auf der nächsten Ausstellung, würde mich sehr freuen. Und bleiben Sie mir gewogen,

Ihr