Liebe Leserin, lieber Leser,

Wenn Sie Ihre Wurzeln im Rheingau haben, dann sind Sie vielleicht Nachfahren jener Wurtzler, von denen Hieronymus Bock schreibt:
Im Rinckgaw zu Weinheim (Frei-Weinheim), auff den wissen, sameln die wurtzler die Spargelwurtzel, dragen sie überruck bis gen Antorff (Antwerpen).
Hieronymus Bock (1498 - 1554), saarländischer Botaniker, war ein profunder Kenner der Flora Süddeutschlands. Er beschreibt die Pflanzen, ihre Fundorte, die Herkunft ihrer Namen und ihre gesundheitlichen Wirkungen. Entdeckerlust packt einen, wenn man sein „New Kreütterbuch Buch“ von 1545 in der Hand hält, Fachbuch und Kunstwerk zugleich.

Der Mann kannte sich aus, nicht nur bei den Pflanzen, auch bei den Menschen. Er hält nicht mit seiner Meinung hinterm Berg und kommentiert launisch die Lebensgewohnheiten seiner Landsleute:
Wir Teutschen achten kein Mahlzeit / wann nicht Wein darbey ist / für köstlich. Daher wir ins geschrey gekommen, das man uns die vollen und tollen Teutschen tut schelten.
Zu seiner Zeit sind Kräuter nicht nur Kräuter nach unserem heutigen Verständnis, sondern alle eßbaren Pflanzen stehen unter dem Sammelbegriff: Kreütter. Er berichtet von klassischen und auch in Mode gekommenen Gemüsen.

Klassisch sind beispielsweise Cappes (Weißkohl) und zahlreiche Spielarten des Kohls, Mangold, Lauch, geele und rote Rüben, Gurken, Melonen und natürlich Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Erbsen (Erwisbrey ist der Vorläufer des Kartoffelbreies). Brunnenkresse, Feldsalat, die Spielarten des Lattich, zu denen der Kopfsalat gehört und Löwenzahn, den er Pfaffenröhrlein nennt, sind einige der Salatsorten, die damals auf den Tisch kommen.

Nichts ist gebräuchlicher als Zwiebeln in allen Teutschen Küchen, stellt er fest. Zum Cappes meint er, - wer kann und mag alle Kraft und tugendt des gemeinen Cappeskrautes ezählen? Jederman weiß warzu Cappeskraut gut ist / nemlich zum hungrigen Magen, wann es wol (zu-)bereit / und die Sau durchgelaufen -
Sauerkraut kommt allerdings erst zweihundert Jahre später zu uns, quasi mit der Kartoffel. Also „Ribbsche met Kraut un Kaddoffelstambes“ absolut neuzeitlich!

Mangolt,meint er,  ist under allen Kochkreüttern, das aller gebräuchlichste in unserem Land / Armen und Reichen genehm. Das ungeschmackte (geschmacklose)Gartémüßkraut Mangolt können die Köche wohl bereiten / (wenn) Sie haben dann darzu Wein und wurtz (Gewürze), sonst muß es ja ohn geruch und ohn geschmack bleiben -

In Mode gekommenen sind 1545 Spargel, Endivien, Rhabarber, Mais und Auberginen. In Speyer entdeckt er Pepperoni. - ein gemeiner Salat bey den Wahlen (Welschen)und Hispaniern / ist nun mehr auch (wie andere Leckerbißlein) ins Teutschland gekommen, schreibt er über den Spargel, gemeint ist nun der weiße und nicht der grüne, den die Wurtzler gesammelt haben.

Vom Endivien weiß er, das er vor zeiten auß Burgundia zu uns kommen. Im Elsaß findt mans von ihm selbs bei den Weingärten wachsen / an Rechen (Böschungen)und Mauern. Belustigt kommentiert er das Erscheinen des Rhabarbers, der erstmals auf dem Symonswald im Schwarzwald gefunden wurde, vorerst in Klöstern geheim gehalten, aber dann doch auskommen ist.

Beim Mais, den er Welschkorn nennt, hat er keine Erfahrungen, aber er kommentiert sein Erscheinen mit den Worten unser Germania würt bald Felix Arabia heissen / - Vom Melantzan(Aubergine) weiß er, daß die schönen öpffel aus Neapolis ins Teutschland kommen sind / gehören aber nit für uns Teutschen, und außerdem hat er keine Lust über solche Dollöpffel zu schreiben, wer sie kochen will solls von den Wahlen(Welschen) lernen.

Bock liebt Olivenöl. Befriedigt stellt er fest:
Unsere Teutschen haben auch gelernt Baumöl und Olivenöl in der Speis (zu) brauchen.
Und er glaubt, daß in warmen Teutschen Lands Olivenbäume gedeihen könnten zum Beispiel in den warmen Zonen des Rheins, wenn man nur soviel Aufwand an den Ölbaum verschwende wie an den Rebstock. Er empfiehlt Baumöl zu Salsen (Soßen) und Salat und resigniert:
In Teutschland, da kein Baumöl wachst / kann man des Butters gar nicht entrathen.

Zum Schluß seinen besonderen Gourmettip:
Im Kirschenmonat soll man Sperlingslebern essen, da sie dann einen lieblichen Geschmack und ein besonder Leckerbißlein.

Alleh Guude dann! Und bleiben Sie mir gewogen,

Ihr

P.S. von H. Bock: Wer nicht nach Frankfurt oder Venedig kommt, kann Salbei auch gerade so gut im Garten anbauen. Als dann -