Liebe Leserin, lieber Leser,

Vom Rhein als der großen Völkermühle, von der Kelter Europas, schreibt Carl Zuckmayer in „Des Teufels General“; von den Genen, die hier hängengeblieben sind. Und ihre Worte, die sie uns hinterlassen haben, die Kelten, die Römer, die Franken, die Juden, die Franzosen und all die annern Haargeloffene ?

Rheinfränkisch nennen die Wissenschaftler jenes Idiom, das der Ursprung unserer rheingau- nassauischen Mundart ist, vermischt mit keltisch in den Orten, die nicht direkt am Rhein liegen, wie z.B. Kiedrich, Hallgarten -

Mainz, Lorsch, Worms und Speyer waren die Schreiborte dieser althochdeutschen Sprache, in der auch so bedeutende Schriften wie die Stabreime der Merseburger Zaubersprüche und die Straßburger Eide geschrieben sind.

Rheinfränkisch ist aber auch die Mutter jener Sprache, die heute noch von Millionen Menschen gesprochen wird: jiddisch. Hunderte jiddischer Begriffe finden sich in unserem Dialekt wieder. Jiddisch ist nach der französischen die zweitwichtigste Sprache, die unseren Dialekt beeinflußt hat.

Womit wir bei den Franzmännern wären. Die haben oft genug ihre Fissemadende bei uns am Rhein gemacht, ganz ze schwaische von unsere bei deene. Zeit genug hatten sie also, ihre wohlklingenden Laute bei uns einzupflanzen. Aber auch die hohe Herrschafte, vor allem die absolutistischen, fanden es „chique“, französisch ze parliern.
Der Volksmund hat das Französische aufgeschnappt und kräftig „dialektisch“ verschafft. Mundartliche Einfärbung und Verballhornung haben sie so geformt, daß mer se babbele kenne, wie uns de Schnabbel stieht.

Die Zeiten der großen Badalljen sind endlich vorbei und es wern sich nit mehr geescheseidisch die Knoche poliert, es wird jumeliert. Das bekommt uns allen viel besser. Aber ohne das französische Eigeplaggte wäre unser Dialekt arm, eigentlich undenkbar.
Die nationalen Reinigungsversuche der Vergangenheit, Sprache und Dialekt von den undeutschen Wörtern zu befreien, sind, Gott sei`s getrommelt un gepiffe, falliert. Muttersprache als Form des gar nicht lautlosen Widerstandes.

Nach dem zweiten Weltkrieg sind die Anglizismen in unseren Wortschatz eingefallen. Unvergessen ist der Satz unserer Großmutter, mit dem sie die neue Zeit kommentierte: Des kimmt alles vun dene Addombombe un dem Jaddz. Die amerikanischen Wörter wie Coola, OK, Kombjuuder, usw., sind nicht allein geblieben. Pitza, Dsadsiggi und Dööhner haben sich hinzugesellt.

Überhaupt ist es unüberhörbar, daß sich unser Dialekt verändert, so wie sich unsere Dorfgemeinschaften verändern. Angefangen hat es mit den Heimatvertriebenen, die mit ihren Babbriggasiedlunge die Vergrößerung unserer Dörfer begannen. Dann kamen und kom- men die Neubürger (im Rahmen der vierten Fruchtfolge: Äcker und Wingert zu Bauland), um bei uns zu wohnen.

Unser Dialekt ist weicher geworden. Die Doppel-WWs werden zu Doppel-BBs, Schnawwel wird zu Schnabbel. Die dörflichen Unterschiede und Klangfarben verwischen sich. Früher konnte man sehr genau die Martinsthaler, die Eltviller, Kiedricher, die Rüdesheimer an ihrem Dialekt unterscheiden.

Liest man Rudolf Dietz, Franz Bossong, Friedrich Stolze, spürt man den Unterschied zu heute. Man muß sich wieder an sie gewöhnen. Hedwig Witte, Karla Wiesinger und Kurt Sigl sind Adepten der Neuzeit.
Sind die kleinen Sprachbewegungen auch ganz normal, so darf sich doch nicht alles verändern. Schon werden Worte nicht mehr be- nutzt und nicht mehr verstanden.
Geeschestemme heeßt die Parol , denn unser Dialekt hat Zukunft. Während wir uns nach Europa öffnen, bleibt die Muttersprache, der Dialekt unsere Heimat. Man identifiziert sich, gelle.

Deshalb EURO für alle, aber die Kerb bleibt unser!

Alleh Guude dann! Und bleiben Sie mir gewooche,

Ihr