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Die Brücke hat sich erledigt?!

Liebe Leserin, lieber Leser,

Lange bevor der Mensch an der sumpfverbrämten Wasserstraße auftauchte, war sie schon Orientierungs- und Wanderstraße für Zugvögel und Fische. Sie ahnen schon wovon ich spreche, es ist der Rhein.

Zu Fischen und Vögeln gesellten sich, ca. 1000 v. Chr., Megalithsteine, Glockenbecher, Band- und Schnurkeramik, kurz das ganze Kunsthandwerk der Steinzeit.

Dann wurde der Rhein zur Bernsteinstraße; der Salz- handel florierte. Jetzt kommen die Kelten den Rhein herab und 100 vor Christus rücken die Germanen an die rechte Rheinseite vor.

„Ebschseidisch”, also linksrheinisch, macht Caesar den Rhein zur Heerstraße.

374 n. Chr. erscheint der allemannische Stammeskönig Makrian am Mittelheimer Ufer.
„Er kam, von ganz unsäglicher Aufgeblasenheit gebläht, ... während hier und dort das Getöse der Schilde seiner Stammesgenossen dröhnte”, berichtet der römische Ge- schichtsschreiber Marcellinus. „Auf der anderen Seite bestieg der Kaiser seine Fluß- schiffe ... und fuhr mit Vorsicht an das Ufer heran.”
Der Kaiser war der Römer Valentinian I. und er hat mit dem „Barbaren” zuerst einmal ordentlich einen draufgemacht und nachdem sie so ihre Seelenverwandtschaft festge- stellt hatten, schlossen sie einen Nichtangriffspakt, der immerhin während ihrer ganzen Regentschaft hielt.

Der Römer überquerte den Rhein auf einem Wasserweg, der bis heute seine Bedeutung beibehalten hat, nämlich die Fahr zwischen Frei - Weinheim und Mittelheim. In der Warmzeit des Mittelalters entstand hier sogar eine Furt.

Um 800 ist dann der große Karl
eribber un enübber gemacht und hat den nachkelti- schen, spätrömischen Weinanbau promotet. Hundert Jahre später ist der Erzbischof und Reichskanzler Hatto, nicht geradewegs, eher halbwegs, über den Rhein genau bis zum Turm der Mäuse, wo ihn dieselben sagenhaft aufgefressen haben sollen.

In der Nähe, so geht die Mär, hat 1843 der „wackere” Rüdesheimer Sterzel den Refe- rendar Bismarck aus dem Wasser gezogen, was ihm 1866 aber wieder leid tat.
(Näheres finden Sie darüber in meiner „Rheingau & Preußen” Geschichte)

Eines war das Binger Loch mit seiner Felsbarriere nicht, eine Rheingauer Sackgasse. Fähren, „Neeh” genannt, garantierten die problemlose Rheinüberquerung für Mann und Maus. Sie verbanden zahlreiche Wege auf beiden Ufern des Rheines.

Da führte auf unserer Seite der Kaufmannsweg von Rüdesheim durchs Wispertal nach Lorch, von Mittelheim ging es über die Hohe Straße durchs Tor der Mapperschanze in den Taunus.

Genau zwischen Mainz und Ingelheim zweigt über eine Fährstelle zwischen Steinerner Au und Steinheimer Hohl der „Gemeyne Weg” nach Norden ab. Über den Steinheimer Hof, Große Hub und Rauenthal führt er auf die heutige Trasse der Bäderstrasse, ins Aartal und nach Limburg. Die Wallufer hatten aber auch noch einen zweiten Übergang, um von Budenheim via Rheingauer Chaussee ins Aartal zu gelangen.

Trotz der wunderschönen Erfahrung der Rheinromantik, die bis heute nachwirkt, began- nen die Rheingauer, sich vom Rhein abzuschneiden. Zuerst mit der Eisenbahn, bei der das Abschneiden in Rüdesheim einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, und es setzt sich fort mit dem Straßenbau in die alten Rheinauen.
Wie sagte einmal ein Zeitgenosse:
„Was kann mer de Schwan in Oestrich dorsch die neu Audostroß jetzt so schee liehe sehe.” Seitdem hört man im Oestricher Schwanengarten die Autos so lauschig vorbeirauschen.

Und nun soll ein neuer Überweg her, der den Verkehr auf der B42 im Rheingau so verstärken wird, daß die restlichen Orte auch endgültig vom Rhein abgeschnit- ten werden, denn das Ziel beschreibt der Pressesprecher der Stadt Bingen so:

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..und vergisst zu ergänzen, daß er die Pendler ins Rhein– Main–Gebiet meint.

Fast hätte es ja geklappt und Walluf und Eltville hätten auch nicht mehr am Rhein gelegen. Vierzig Jahre ging`s in dieser Sache nicht nur eribber un enübber, sondern auch heftig hin und her, ja drunter und drüber.

Gerade noch rechtzeitig ist es den Oestrich-Winklern aufgefallen, was für ein wunder- bares Stück Rheinuferlandschaft vor ihrer Haustür liegt, bevor die Brücke den links- rheinischen Durchgangsverkehr wie ein Spritzbeutel in den Rheingau presst, ohne den sich eine solche Brücke nicht rechnet.

„Rheingau - Piste” zieht Autos magisch an. Das stammt jetzt nicht von mir, das ist der Aufmacher zum Kurier-Extra: 10 Jahre Nordumgehung Eltville/Walluf am 18 August 1999.

Täglich 28 000 Fahrzeuge! Lärmschutz? Wen stört schon das klack-klack auf den Brücken, das impertinente Dauerrauschen der rollenden Gummikavalkade?

Voll eingeschenkt ist gute Rheingauer Art, aber müssen es unbedingt Autos sein?
Gute Fahrt dann und bleiben sie mir gewogen.

Ihr

Druck mit 75% skalieren!

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P.S.: Pläne für Höhenstraße vorgestellt und begraben konnten wir im Wiesbadener Kurier vom 28. Juni 2001 lesen.
Die Stadt Oestrich-Winkel stellte ein Gutachten für den Bau einer Höhenstraße vor und hat die Pläne gleichzeitig begraben, da das durchaus erstrebenswerte Ziel eines auto- freien Rheinufers durch ein Verkehrsband zwischen Wald und Reben nicht erreichbar ist.
Dies ist auch das Ergebnis planerischer Kurzsichtigkeit in den 50er Jahren des letz- ten Jahrhunderts. Die beim Bau der Walluf-Eltviller Umgehungsstraße immer wieder gemachte dümmliche Behauptung ein autofreies Rheinufer nütze nur den dort wohnenden vermögenden Anliegern, wird von den Spaziergängerströmen entlang des Leinpfades ad absurdum geführt und so ließen sich die Gemeinden zwischen Eltville und Geisenheim durch den Straßenbau in die alten Rheinauen vom Fluß abschneiden. Dumm gelaufen.

Und so ist auch die Forderung, eine Brücke zwischen Bingen und Geisenheim zu bauen zu bewerten. Dies können nur Leute fordern, denen jedes Rheingaugefühl abhanden gekommen ist.
Aber mit dem Fall der Höhenstraße rechnet sich auch die Brücke nicht mehr, gut so!